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Upgrade Demokratie Das neue Setting Die Demokratie kann als ein politisches System gesehen werden, das seine Perfektionierung geradezu herausfordert. Der Sinn der Demokratie besteht gleichsam in der permanenten Adaption an die Interessen ihrer Bürger. Jacques Rancière betrachtet Politik als einen Vorgang, der erst in der Unterbrechung einer Ordnung dessen, was sichtbar und sagbar ist, stattfindet. Politik entsteht im Dissens, und dementsprechend ist die Demokratie ein prozessualer Akt, der sich ständig aktualisieren muss. Wendy Brown zieht daraus den Schluss, dass für ihre Optimierung eine ihr fremde, antidemokratische Komponente, z.B. die radikale Kritik von Philosophen, notwendig ist. Dem widerspricht Slavoj Žižek, der fragt, warum nicht ein Mehr an Demokratie – er prägt den Begriff deMOREcracy – für demokratischere Verhältnisse sorgen könnte. Neue kulturelle und politische Bewegungen (Occupy, Piraten, Wikileaks, ArtLeaks, Anonymous etc.) artikulieren diesen Dissens und stellen die Konventionen der bisherigen demokratischen Konditionen in Frage. Das Spannungsverhältnis zwischen individueller Freiheit und dem Reglement in einer sozialen Gemeinschaft wird gerade neu ausgelotet. Phänomene wie Informationsbarrieren oder Urheberrechte werden grundlegend in Frage gestellt. Ist demnach Besitz per se undemokratisch? Als Vorreiter für die stärkere Mitbestimmung an politischen Entscheidungen kann Joseph Beuys gelten, der als Beitrag für die documenta V im Jahr 1972 ein „Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ einrichtete. Ziel war die Willensbildung in der Politik von unten nach oben, für die u.a. die schnelle Abwahlmöglichkeit von Volksvertretern und Amtsinhabern als ein wichtiges Werkzeug gilt. Schon in den 1970er Jahren wurde eine große Zahl an Nicht-Wählern registriert. Das Desinteresse an Politik wird bis heute als ein Indiz für die Schwäche des parlamentarischen Systems gewertet. Andererseits wird von den Folgen der direkten Demokratie gewarnt, weil sie die parlamentarische Demokratie aushöhlen und die Debattenkultur im Allgemeinen desavouieren könnte. Die Piratenpartei bevorzugt stattdessen den Begriff der Liquid Democracy. Hier soll jeder selbst entscheiden, wie weit er seine eigenen Interessen wahrnehmen will, oder wie weit er von Anderen vertreten werden möchte. Demokratie und Ästhetik Wie die Philosophin Juliane Rebentisch überzeugend darlegt, sind ästhetische und politische Komponenten keine Gegensätze, auch wenn zahlreiche Philosophen seit Platon die politischen Abläufe von ästhetischen Aspekten frei halten und abgrenzen wollten. Nach Rebentisch ist die Ästhetik dagegen ein integrativer Bestandteil demokratischer Prozesse. Ästhetische und politische Strategien greifen ineinander. Demokratische Strukturen sind ohne die mediale Vermittlung und verschiedenster Repräsentationspraktiken überhaupt nicht denkbar. Aber auch auf der Mikroebene, wie bei der Theatralik der politischen Ansprache, kommt die Politik nicht ohne die performativ-visuelle Ebene aus. Selbstorganisation Ein Interesse an politischen Abläufen oder die Unzufriedenheit mit den gegebenen demokratischen Verhältnisse kann in ein stärkeres soziales Engagement münden. Zusammen mit Gleichgesinnten können daraus entsprechende Initiativen entstehen. Jenseits von öffentlichen Institutionen entstehen Formationen der Selbstorganisation. Die sogenannte „Shrinking City“ Detroit ist hierfür ein gutes Beispiel. Eine Krisensituation, hervorgerufen durch den wirtschaftlichen Niedergang der Autoindustrieproduktion vor Ort, führte in den letzten Jahren zu einem verstärkten Bürgerengagement. Die geringere Einwohnerzahl wurde als Chance für eine Umstrukturierung und Modernisierung der Stadt genutzt. Zahlreiche neue kreative Initiativen sind dabei entstanden. Das Projekt Learning from Detroit des Kunstverein Wolfsburg und des IZS präsentiert die interessantesten Phänomene dieser Entwicklung auf künstlerischer und gesellschaftlicher Ebene und vergleicht sie mit urbanen und kulturellen Prozessen in Wolfsburg. Der Erfolg und die Zunahme selbstorganisierter Kunstinstitutionen darf nicht unbedingt als Freispruch für staatliche Defizite begriffen werden. Viel mehr ist das Interesse an der Selbstermächtigung und an der Konstruktion von individuellen und kollektiven Identitäten als Ausdruck von Freiheit innerhalb sozialer Formationen zu verstehen. Gruppen und einzelne Personen entwerfen ihre eigenen Rollen und ästhetischen Kontexte. In dem Ausstellungsprojekt Erfinde dich selbst! möchte der Kunstverein Wolfsburg besonders den Aspekt der Selbstkonstruktionspotenziale in liberalen Gesellschaften auf virtueller und realer Basis untersuchen. Essen als soziales Ereignis Ethnologen, Anthropologen und Kulturwissenschaftler unterstreichen die soziale Bedeutung der gemeinsamen Nahrungsaufnahme. Essen bildet eine Grundlage der Kultur. Sogenannte Bürgerfrühstücke erleben heute einen ungeahnten Boom und werden zu identitätsstiftenden Erlebnissen stilisiert. Auch immer mehr bildende Künstler haben die Relevanz von Mahlzeiten als Medium für ihre Intentionen erkannt. Die Ausstellung Let’s eat together will verschiedene künstlerische Positionen in den Bereichen Essen, Küche und Nahrungsproduktion zusammenführen und die soziale Konnotationen dieser Thematik aufzeigen. Demokratie und Internet Was während der Studentenrevolte in den 1960er Jahren noch unter dem Slogan „Demokratisierung der Universitäten“ gefordert wurde, um den sozialen Raum der Universität zu politisieren, d.h. diesen Raum zur politischen Willensbildung, Diskussion und Erläuterung zu nutzen, findet heute eine Parallelität in der Debatte über die politischen Möglichkeiten des Internets. So wird im virtuellen Raum der sozialen Netze zum verstärkten Engagement z.B. in Netzkampagnen, zu schneller Meinungsäußerung und zur direkten Bürgerbeteiligung aufgerufen. Neue Protestformen wurden entwickelt. Das Blockieren von Websites, Shitstorms oder Hacking haben sich als gängige Praxis des elektronischen politischen Kampfes etabliert. Gegen die Postdemokratie In der Frage um eine Aktualisierung der Demokratie geht es auch darum, postdemokratischen Tendenzen entgegen zu wirken. Nach Jacques Ranciere versteht man unter Postdemokratie eine Gesellschaftsform, in der das staatliche Handeln durch wirtschaftliche Notwendigkeiten legitimiert wird. Das soziale Leben wird den Wirtschaftsmächten untergeordnet. Zur Postdemokratie gehört aber auch ein Mangel an realen Partizipationsmöglichkeiten am politischen Geschehen, die durch einen Zwang in der Wahl von Konsumartikeln und Dienstleistungen kaschiert wird. Die häufigen Appelle in der Warenwelt und im Internet führen zur Verunsicherung zahlreicher Menschen. Die Ausstellung Qual & Wahl präsentiert verschiedene künstlerische Positionen, die auf diese Entwicklung hinweisen. Denn Colin Crouch behauptet in seinem Buch „Postdemokratie“, dass auch wenn man die Postdemokratie nicht rückgängig machen kann, so können wir lernen, damit zu Recht zu kommen und sie zu verbessern. |
Zeitplan – Upgrade Demokratie Qual & Wahl 22/02/–05/05/2013 Eröffnung: 21/02/2013, 19h Learning from Detroit 24/05/–25/08/2013 Eröffnung: 23/05/2013 Erfinde dich selbst 13/09/–10/11/2012 Eröffnung: 12/09/2013 Let’s eat together 29/11/2013–02/02/2014 Eröffnung: 29/11/2013 |
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