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Flut der Gefühle

Mit der explosionsartigen Zunahme der Kommunikation und der Kommunikationsmittel hat sich die Lebenssituation vieler Menschen verändert. Eine Transformation, die vor allem im privaten und weniger im öffentlichen Bereich stattfindet. Meist wird bei dieser Entwicklung das Augenmerk auf die Aspekte der Überwachung, des Datendiebstahls oder allgemein der Informationsflut gelenkt. Weniger Beachtung finden dagegen die Emotionen, die übermittelt werden, und wie sie verarbeitet werden können. Müssen Dämme gegen diese überhand nehmenden Affekte, die von Bedrohungsszenarios bis zum Zwang zur Heiterkeit reichen, gebaut werden und wie können Abwehrmaßnahmen aussehen? Wie reagieren Künstler, die Spezialisten für visuelle Kommunikation, auf diese Situation? Die Flut der Gefühle ist heute jedenfalls zu einer gesellschaftlichen Rahmenbedingung der Kunstpraxis avanciert.

Die Reizüberflutung der Medien ist kein neues Phänomen. In der Kunst hat sich z. B. Nam June Paik schon seit den 1960er Jahren damit beschäftigt. Doch die Nutzung der Medien hat sich in den letzten Jahren wesentlich verstärkt. Aber nicht nur das, mit Smartphones, Tablets und Notebooks kamen Geräte auf den Markt, die die Kommunikation revolutionierten. Die Kommunikationsfähigkeit des Menschen erreichte ein bis dahin unbekanntes Ausmaß. Durch diese allgegenwärtige Medienpräsenz prasseln in ungeahnter Heftigkeit Bilder, Töne und Reize auf uns ein. Die Wirkung auf unsere Psyche ist schwer abzuschätzen und wird oftmals als problematisch diskutiert. So stellt der Kultur- und Kommunikationstheoretiker Geert Lovink in seinem Aufsatz „Der Social-Media-Hype. Wie leben wir mit der Informationsüberflutung?“ Überlegungen an, wie wir in der digitalen Welt vom kollektiven Gefühl der Rastlosigkeit, der dauernden Wanderung von einem zum nächsten Service, erlöst werden können. Der belgische Pop-Psychiater und Autor von „Borderline Times“, Dirk de Wachter, diagnostiziert in der westlichen Bevölkerung dagegen ein chronisches Gefühl der Leere, wobei die intensive Nutzung der Social Media nur ein Aspekt von mehreren neueren gesellschaftlichen Phänomenen ist. Das Gefühl der Leere entsteht gerade dann, wenn technosoziale Routinen bedeutungslos werden und es nichts mehr zu berichten gibt. Sich von diesen Mechanismen loszulösen, ist nach de Wachter jedoch nicht leicht.

Schon Ende der 1980er Jahre machte der deutsche Philosoph Wolfgang Welsch mit dem von ihm gewählten Begriff der Anästhetik Furore (Ästhetik und Anästhetik, 1989). Er beschreibt mit diesem von der Medizin abgeleiteten Wort die Reaktion des Menschen auf die zunehmende Reizüberflutung. Als Möglichkeit, die vom Konsum angekurbelte, massive Ästhetisierung zu ertragen, ist die Desensibilisierung für ihn der adäquate Schritt. Was Welsch vor 25 Jahren analysierte, hat heute noch mehr Gültigkeit. Die Flut an Emails, Tweets und Messages hat zu einer ungeahnten Dimension von Kommunikationsstress und letztlich Eintönigkeit bzw. Betäubung geführt. Der Begriff der Anästhetik gewinnt in Anbetracht der technosozialen Entwicklung mehr und mehr an Aktualität. Der amerikanische Internettheoretiker und Psychologe Howard Rheingold macht sich in seinem neuen Buch „Net Smart: How To Thrive Online“ von 2010 Gedanken, wie die User wieder die Verfügungsgewalt über die Internetkommunikation bekommen können und wie er seine Autonomie zurück gewinnt. Denn viele haben durch ihr Eintauchen in die eskapistische digitale Welt ihren Verstand und ihre Psyche verloren. Er schlägt Praktiken vor, wie die Online-Welt zu meistern ist. Wir müssen Medienkompetenzen -und das sind bei ihm vor allem geistige Fähigkeiten - erlangen. Er ruft auf zu Selbstkontrolle, Bildung und innere Disziplin.

In der Tat verlieren nicht wenige in der digitalen Welt ihrer Kontrolle. Seit 2009 untersucht ein von der EU gefördertes Forschungsprojekt die Gefühlswelt im Internet. Unter dem Projektnamen „CyberEmotions“ wird der Fragen nachgegangen, warum in Foren, Blogs und Social Media so heftig gestritten wird. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass diese Kommunikationsmedien vor allem zur Evokation negativer Gefühle genutzt werden. Diese überquellenden Emotionen gehen über das, was man Streitkultur nennt, weit hinaus. Eine erste Antwort des Projekts auf ihre Fragestellung ist, dass deswegen so gern beleidigt und beschimpft wird, weil man sein Gegenüber nicht kennt. Wie verschiedene Experimente und Studien gezeigt haben, reduziert eine gewisse Nähe und Vertrautheit deutlich einen rauen, aggressiven Tonfall.

Dem medialen Kontrollverlust als neues ambivalentes Phänomen geht die Ausstellung I Can’t Control Myself nach. Sie zeigt künstlerische Reflexionen zur Emotionsflut und Formen des künstlerischen Ausdrucks von Grenzüberschreitung. Mit der Bilderflut wächst auch die Zahl der Bedrohungsszenarios, wobei der Overkill der medialen Mitteilungen selbst als bedrohlich empfunden wird. Der Künstler Dennis Graef widmet sich in der Ausstellung Overglazed Aloha – Dispositive der Bedrohung insbesondere dieser Entwicklung. Einen besonderen Ausnahmezustand emotionaler Natur stellt die Liebe dar. Die Ausstellung Baby, I Love You präsentiert künstlerische Positionen, die sich mit gegenwärtigen, von neuen Kommunikationstechnologien geprägten Formen der Liebesbeziehung auseinandersetzen. Für den Wettbewerb arti, einen Preis für Wolfsburger Künstler, wird im Jahr 2014 ebenfalls ein Thema gewählt, das eng mit dem Jahresprogramm Flut der Gefühle in Verbindung steht.

Wie aber schützen wir uns vor dem Tsunami an Bildern und Emotionen im Internet. Um die Kontrolle über unsere Kommunikation wieder zurück zu gewinnen, ist eines der wesentlichen Forderungen neben einem bewussteren Umgang mit digitalen Medien die Filterung der Gefühle und Mitteilungen, die auf einen zuströmen (z. B. durch Crap Detector, wie Howard Rheingold vorschlägt).
Vielleicht beurteilt Rheingold die derzeitige digitale Kommunikationssituation sogar noch zu optimistisch. Was ist, wenn man gar keine Wahl hat und mit Bildern bzw. Film ungefragt geradezu bombardiert wird, es also keine Chance zum Filtern gibt? Wie häufig muss man auf Internetseiten Clips betrachten, die man eigentlich gar nicht sehen will und die man nicht einfach durch eine Spamfiltereinstellung abschalten kann. Deswegen geht es in dieser Debatte nicht nur um einen gezielteren Umgang sondern auch um ein Verhindern oder sogar Verbieten. Wieder die Kontrolle über die neuen Kommunikationsmöglichkeiten zu erlangen, erscheint als ein langer, steiniger Weg.

Zeitplan – Flut der Gefühle

I Can’t Control Myself
07/03/–04/05/2014
Eröffnung: 06/03/2014

arti
24/05/–24/08/2014
Eröffnung: 23/05/2014

Dennis Graef
12/09/–09/11/2014
Eröffnung: 11/09/2014

Baby, I Love You
29/11/2014–08/02/2015
Eröffnung: 28/11/2014

Raum für Freunde
Verschiedene Projekte
ab 21/02/2014


 
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