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Spekulation und Spektakel

Spekulation und Spektakel sind Symptome einer tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise, von der niemand unberührt bleibt. Die beiden Begriffe werden häufig angeführt, wenn die Ursachen und Auswirkungen dieser Krise diskutiert werden. Dass die beiden Ausdrücke nicht nur ähnlich klingen sondern auch in einem engen Zusammenhang stehen, will der Kunstverein Wolfsburg im Jahr 2010 mit seinem Jahresprogramm unterstreichen.

Sowohl die Spekulation als auch das Spektakel beruhen auf Imaginationen. Beide gehen von einer Vorstellung, von einer Fiktion aus. Das Eigentliche, das Reale, das Wahre ist dabei abwesend. Während die Imagination beim Spektakel in der Regel in der Gegenwart geschieht, ist sie in der Spekulation auf die Zukunft gerichtet. Beide scheinen die Entwicklung der derzeitigen Gesellschaften wesentlich zu beeinflussen. „Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln“, schrieb Guy Debord schon im Jahr 1967. Vergleichbar mit den Bildern des Spektakels haben sich die Spekulationen, als Motor wirtschaftlicher Prozesse, von den realen Aspekten des Lebens abgetrennt, aber gleichzeitig mit ihr wieder vereint. Sie konnten sich als Pseudowelt innerhalb der wichtigsten Elemente der menschlichen Existenz etablieren.

Einerseits ist eine Spekulation ohne Spektakel nicht wirksam. Mit Hilfe des Spektakels erhält sie eine größere Aufmerksamkeit, die nötig ist, um eine mediale Verbreitung und gesellschaftliche Brisanz zu erlangen. Andererseits stellen Spekulationen einen wichtigen Faktor der Spektakelkultur dar. Sie bilden Schlagzeilen, können als Bücher Bestseller werden oder durch eine eindrucksvolle Performanz eine glorreiche Zukunft verkünden. Spektakel und Spekulationen steigern sich gegenseitig.

Nach Jean Baudrillard, dem beunruhigendsten Spekulanten der französischen Philosophie, ist das Spektakel nicht mehr nur eine Praxis der Machtausübung sondern auch des Widerstands, insbesondere des globalen Terrorismus' geworden. Wie er in „Das perfekte Verbrechen“ (München 1996) schreibt, befinden wir uns in einer Epoche, in der die Realität selbst verschwunden ist. Globalisierung und technologische Entwicklung hätten zu einer Standardisierung und Virtualisierung geführt, sodass immer mehr Menschen ihre Zeit in Hyperrealitäten, Medien und Cyberspace verbringen. Immer wieder verkündet Baudrillard die Zerstörung des Realen und seine Auflösung in Information und Simulation, sowie die anschließende Herrschaft von Illusion und Erscheinung. Die Anschläge des 11. September markieren jedoch einen historischen Wendepunkt. Der Terrorismus hat sich die Strategien des Spektakels angeeignet und dabei seine Spielregeln übernommen. Der Terrorismus spielt das Spiel, um es besser stören zu können (vgl. Jean Baudrillard, Der Geist des Terrorismus, Wien 2002, S. 23). Dabei soll die größtmögliche Medienwirksamkeit erreicht werden. Der Kampf gegen den Terrorismus ist zunächst ein Kampf gegen einen Feind, der sich nicht freiwillig zu erkennen gibt. Ein großer Teil der Kriegsführung besteht deshalb aus der Identifizierung und dem Auffinden des Gegners, aus einem Kampf mit einem unsichtbaren Kontrahenten. Der Krieg gegen Terroristen beruht somit weitgehend auf Spekulation.

Spekulation ist aber nicht grundsätzlich abzulehnen. Die Begriffe Spekulation und Utopie sind zwar in den letzten Jahren in Misskredit geraten, gerade im kulturellen Bereich gibt es aber keinen Grund, auf die Visualisierungen von Träumen und Begehren, als existenzielle Phänomene, gänzlich zu verzichten. Weiterhin besitzen die Imaginationen soziale Relevanz, da diese in Bildern geäußerten Zukunftserwartungen, diese künstlerischen Prognosen Meinungen und damit gesellschaftliche Prozesse beeinflussen können. In der Ausstellung The Art of Speculation können diese Arbeiten sowohl als Utopien als auch als Dystopien erscheinen. Die Ausstellung ist der Beitrag des Kunstverein Wolfsburg für das von ihr initiierte Science & Art Festival Phaenomenale, das 2010 unter dem Thema „Risiko Unlimited?“ steht. ( www.phaenomenale.com)

Katastrophe und Gewalt
Die Nachrichtenindustrie bedarf Katastrophenmeldungen als dramatischen Höhepunkt ihrer Berichterstattung, wobei die endlose Bilderflut selbst zur nachhaltigen Katastrophe avanciert ist. Die Medien scheinen bis zur Betäubung alle Wünsche nach emotionalen Erlebnissen jenseits von Ort und Zeit zu erfüllen. Sie reagieren dabei nicht nur auf bereits Stattgefundenes, Vergangenes, sondern evozieren Ereignisse in der Zukunft. Das Politische löst sich laut Jean Baudrillard gleichsam im Telegenen auf und wird durch Simulation von Gewalt substituiert. „Die Gewalt schlummert potentiell in der Leere des Bildschirms, aufgrund des Lochs, das es in das geistige Universum reißt. Das geht so weit, dass es besser wäre, sich nicht in der Öffentlichkeit, wo das Fernsehen zugange ist, aufzuhalten, denn es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit eines Gewalt-Ereignisses.“ (J. B., Transparenz des Bösen, Berlin 1992, S. 88) Gewalt geschieht nicht mehr heimlich und im Dunkeln sondern im Blickfeld der visuellen Medien. Was Baudrillard über das Fernsehen äußerte, gilt heutzutage gleichfalls für Handys mit Kamerafunktion. Gerade Jugendliche verwenden Minikameras und Internet zur Aufnahme und Veröffentlichung von Gewaltakten.

Die Künstler der Ausstellung Gewalt produzieren Bilder in deutlicher Differenz zum Großteil der Darstellungen in den Medien. Sie konzentrieren sich auf ganz spezielle Aspekte von gewalttätigen Handlungen bzw. deren ritueller Transformation. Die Gewalt, die sie thematisieren, erfüllen nicht die Kriterien des Aktuellen und Sensationellen, wie es Presse und Fernsehen verlangen. Ihr Interesse ist grundsätzlicher. Somit sind die künstlerischen Darstellungen von Gewalt beides: spezifischer und universeller.

Angst vor der Zukunft
Terrorismus, Finanzkrise und ökologische Katastrophen erzeugen eine Atmosphäre, die von Angst geprägt ist. In der Psychoanalyse wird zwischen Furcht und Angst unterschieden. Während die Angst als ein nach innen gerichtetes, unerklärliches Unbehagen beschrieben wird, ist die Furcht nach außen auf ein Objekt gerichtet, das die Furcht auslöst. Nach Slavoj Žižek hat Freuds Unterscheidung zwischen Angst und Furcht durch Lacan eine Umkehrung erfahren. Freud behauptet zunächst, dass im Unterschied zur Furcht, die sich auf bestimmte Objekte oder Situationen bezieht, die Angst kein Objekt hat. Für Lacan dagegen verwischt die Furcht ihr Objekt, während die Angst ein eindeutiges Objekt besitzt, das sogenannte objet a, das Objekt des Begehrens, das wir im Anderen suchen. Außerdem schreibt Freud, dass Angst durch die Erfahrung eines drohenden Verlusts z.B. durch Kastration oder Entwöhnung entsteht. Bei Lacan wird Angst nicht durch den Verlust eines Objekts verursacht, sondern wenn wir ihm zu nahe kommen. Auf unser freies Handeln interpretiert Žižek diese Umkehrung folgendermaßen: „Auf den ersten Blick entsteht Angst, wenn wir völlig festgelegt sind, objektiviert, zu der Annahme gezwungen, dass es keine Freiheit gibt, dass wir lediglich neuronale Marionetten, selbstverblendete Zombies sind; radikaler betrachtet ist es jedoch der Zwang, unserer Freiheit zu begegnen, der Angst entstehen lässt.“ (Slavoj Žižek, Parallaxe, Frankfurt am Main 2006, S. 166) Auf die besondere Angstform der Zukunftsängste bezogen, könnte man daraus schließen, dass gerade die unendlich erscheinenden, potenziellen Möglichkeiten der Gestaltung des menschlichen Lebens und der Umwandlung unserer Lebensstätte, der Erde, Angst machen. Gerade die Machbarkeitsfantasien von Wissenschaft und Technik versetzen uns in Schrecken.

Um Ängste zu bewältigen, schließt man sich zusammen, tauscht man sich aus, und bildet, wie in jüngster Zeit geschehen, Gemeinschaften neuen Stils. Dieses Phänomen ist als eines der positivsten Ergebnisse der krisenhaften Entwicklung zu werten. Als Gegenbewegung haben sich innovative Formen der Vernetzung zwischen Individuen und Gruppen generiert. Sie werden in der Ausstellung Gemeinschaft thematisiert, einem Projekt im Rahmen des deutsch-französischen Austauschs zwischen Kunstvereinen und Centre D´Arts, initiiert vom Institute Française und Bureau des Arts Plastiques.

Prognostik bleibt letztlich immer Spekulation. Gefährlich werden spekulative Gedanken aber dann, wenn sie in aktuelle Prozesse eingreifen, d. h. wenn die Wetten auf die Zukunft realen Profit bzw. Defizit erzeugen oder Ängste gegenüber der Zukunft schüren und damit visionäres Denken verhindern. Beide realen Effekte will der Kunstverein Wolfsburg in seinem Programm 2010 reflektieren und kommentieren. Auch das Thema des Kunstpreises für Wolfsburger Künstler, arti, der alle zwei Jahre vergeben wird, orientiert sich am Thema des Jahresprogramms Spekulation und Spektakel.

Raum für Freunde
Nach dem 50-jährigen Jubiläum des Kunstverein Wolfsburg im letzten Jahr will die Institution 2010 neue Wege beschreiten und richtet innerhalb des Ausstellungssaals für unbestimmte Zeit einen Raum für Freunde ein. Dabei wird darauf geachtet, dass die Größe des Saals trotz der Verkleinerung durch den neugestalteten Raum so weit bestehen bleibt, dass der Kunstverein Wolfsburg problemlos weiterhin umfassende Gruppen- oder Einzelausstellungen realisieren kann. Die Gestaltung übernimmt die Berliner Künstlerin Inken Reinert. Wie auch für andere Räume produziert sie eine Synthese aus Skulptur, Installation und benutzbarem Mobiliar. Ihr Ausgangsmaterial besteht aus industriell produzierten DDR-Regalwänden, die sie für die Ausstattung von Kunsträumen ortsspezifisch umfunktioniert.

Der Raum für Freunde soll kurzfristigere, spontane Präsentationen ermöglichen. Ungefähr zehn Ausstellungen und Veranstaltungen sind für 2010 geplant. Die Nutzung des Raums steht den Eingeladenen weitgehend offen und soll kulturelle Aktivitäten der verschiedensten Richtungen ermöglichen: Ausstellung, Installation, Lesung, Bar, Comicladen, Showroom, Club, Kino etc.. Mit dem Begriff „Freunde“ wird die Idee von sozialen Netzwerken, die als kommunikative Verbindungen und Orte der Bedeutungsproduktion fungieren, angesprochen. Die Idee der Vernetzung spielt auch in der Auswahl der „Freunde“ eine Rolle, die bevorzugt Repräsentanten von kulturellen Netzwerken oder Institutionen wie Projekträumen, Musik- oder Modelabels sind. Lokale Aspekte werden berücksichtigt, indem entweder auf lokale Defizite geachtet wird (Was fehlt in Wolfsburg?) oder neue Kooperationen hergestellt werden (Mit wem sieht man sich in Verbindung, hat aber noch nicht zusammengearbeitet?).

Im Unterschied zu der langfristigen und aufwendigen Produktion von internationalen Gruppenausstellungen ermöglicht der Raum für Freunde ein schnelleres und flexibleres Arbeiten. Dieser neue Raum soll die Funktion eines Kunstvereins als sozialen Ort, als Treffpunkt für Kulturinteressierte unterschiedlichster Couleur unterstreichen.



Zeitplan – Spekulation und Spektakel

The Art Of Speculation / Phaenomenale 2010
26/02/–02/05/2010
Eröffnung: 25/02/2010

arti
21/05/–15/08/2010
Eröffnung: 20/05/2010 (Donnerstag)

Gewalt
03/09/–07/11/2010
Eröffnung: 02/09/2010

Communauté / Gemeinschaft
27/11/2010–30/01/2011
Eröffnung: 26/11/2010

 
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